
Liebe Velberterinnen, liebe Velberter!
Erfreulicherweise erhalte ich immer mehr Reaktionen auf meine kleine Kolumne, manchmal persönlich, oft per Mail. Und jeder bekommt wie versprochen eine Antwort auf seine Fragen oder Meinungsäußerungen. Das dauert zwar meist ein paar Tage, ist aber irgendwie persönlicher. Normalerweise bleibt das dann ein Dialog und weder die Frage bzw. das Statement noch meine Antwort werden hier veröffentlicht.
Heute möchte ich mal eine Ausnahme machen.
Denn in letzter Zeit haben mich einige Leser gefragt, warum es zu meinen
freitagsgedanken eigentlich keine kurzen Videos gibt. Andere wollten wissen, warum ich selbst gar keinen Social-Media-Account habe. Die Fragen sind nicht neu für mich. Ich höre sie regelmäßig von meinen jüngeren Familienmitgliedern und auch von meinen politischen Mitstreitern bei der Wählergemeinschaft Velbert Anders.
Sie lassen sich leicht beantworten: weil ich bisher lieber schreibe als filme. Vielleicht, weil ich mich ungern in 30 Sekunden zu einem Thema äußere, über das man eigentlich 30 Minuten nachdenken müsste. Oder weil ich bisher nicht das Gefühl hatte, dass die Welt dringend auf ein Video von mir wartet, in dem ich mit bedeutungsvoller Miene in die Kamera schaue.
Ganz ausschließen möchte ich übrigens weder Reels noch einen eigenen Account. Man soll im Leben schließlich niemals nie sagen. Auch ich bin trotz meines fortgeschrittenen Alters lernfähig – jedenfalls hoffe ich das.
Bislang gefällt mir allerdings die etwas altmodische Vorstellung, dass ein Gedanke mehr sein darf als eine Überschrift, drei Stichworte und ein Daumen hoch.
Denn damit sind wir bei einem Thema, das weit über die Frage hinausgeht, ob ich künftig vielleicht doch noch zum Videostar der Velberter Kommunalpolitik werde.
Wir leben in einer Zeit, in der eine Nachricht in Sekunden um die Welt geht. Eine Behauptung ist schnell aufgestellt, ein Beitrag rasch geteilt, ein Urteil in Windeseile gefällt. Wer sich etwas mehr Zeit nimmt, gilt dagegen schon fast als unentschlossen.
Dabei ist Geschwindigkeit bekanntlich nicht dasselbe wie Erkenntnis. Auch ein Irrtum kann ausgesprochen schnell sein.
Social Media hat uns zu Weltmeistern im Reagieren gemacht. Ob wir dabei auch Weltmeister im Nachdenken geworden sind, darf bezweifelt werden.
Nun ist es müßig, darüber zu klagen, dass Social Media nun einmal nach eigenen Regeln funktioniert. Kurze Botschaften, zugespitzte Meinungen, schnelle Reaktionen und gelegentlich auch eine ordentliche Portion Empörung gehören dazu. Nicht jeder Facebook-Kommentar muss schließlich mit einer sorgfältigen Sachverhaltsanalyse beginnen. Und wer vor jeder Meinungsäußerung erst einmal sämtliche verfügbaren Quellen prüft, hat womöglich schon drei Diskussionen verpasst.
Das mag man bedauern oder für eine unvermeidliche Begleiterscheinung unserer Zeit halten. Ändern werden wir es kaum.
Aber müssen wir deshalb auch in unseren politischen Debatten nach denselben Regeln spielen?Gerade im Stadtrat sollten wir uns nicht von dem Prinzip leiten lassen, eine Meinung möglichst schnell herauszuschießen, bevor der nächste Redner an der Reihe ist. Hier geht es nicht darum, wer die schlagfertigste Antwort gibt oder mit dem pointiertesten Satz die meisten Lacher (oder Tischklopfer) erntet. Es geht um Entscheidungen, die konkrete Auswirkungen auf unsere Stadt und ihre Bürger haben.
Dafür sollte man sich die Zeit nehmen, einen Sachverhalt zu verstehen, unterschiedliche Argumente abzuwägen und auch einmal zu prüfen, ob die eigene erste Einschätzung tatsächlich trägt.
Natürlich gelingt das nicht immer. Auch Ratsmitglieder sind Menschen, haben politische Überzeugungen, persönliche Erfahrungen und gelegentlich einen ausgeprägten Hang dazu, die eigene Position für die überzeugendste zu halten. Das ist nicht weiter überraschend. Problematisch wird es erst, wenn die Überzeugung, recht zu haben, die Bereitschaft ersetzt, sich mit den Argumenten der anderen Seite auseinanderzusetzen.
Dabei ist gerade die Kommunalpolitik voller Fragen, auf die es keine einfachen Antworten gibt. Ein Haushaltsantrag lässt sich nicht allein anhand seiner Überschrift beurteilen. Eine Entscheidung der Verwaltung versteht man nicht zwangsläufig, wenn man nur ihr Ergebnis betrachtet. Und wer einem politischen Gegner widerspricht, sollte zumindest wissen, was dieser tatsächlich vorgeschlagen oder begründet hat.
Manchmal entsteht allerdings der Eindruck, dass die Antwort schon feststeht, bevor die Frage vollständig gestellt wurde. Oder dass sich Zustimmung oder Ablehnung alleine danach richten,
WER den Antrag gestellt hat. Dann wird nicht mehr geprüft, sondern nur noch bestätigt, was man ohnehin schon glaubt. Die Argumente der anderen Seite dienen allenfalls noch dazu, die eigene Gegenrede vorzubereiten.
Das ist menschlich, aber nicht besonders erkenntnisfördernd.
Deshalb würde ich mir wünschen, dass wir uns vor einer Wortmeldung im Rat gelegentlich drei einfache Fragen stellen:
Habe ich den Sachverhalt wirklich verstanden?
Kenne ich auch die Argumente der anderen Seite?
Und bin ich bereit, meine Meinung zu ändern, falls sich herausstellt, dass ich mich geirrt habe?Drei Fragen. Sie sind nicht besonders kompliziert, erfordern keine besondere technische Ausstattung und kosten nicht einmal Geld. Allerdings verlangen sie etwas, das bisweilen schwieriger zu beschaffen ist als die neueste Information: nämlich die Bereitschaft, sich selbst infrage zu stellen.
Vielleicht ist das ja zu viel verlangt. Aber wenn diese drei Fragen zum Standardrepertoire einer Debatte im Stadtrat würden, könnten wir dort womöglich noch den einen oder anderen unerwarteten Niveauschub nach oben erleben.
Das bedeutet keineswegs, dass wir alle einer Meinung sein müssen. Im Gegenteil: Demokratie lebt vom Streit, von unterschiedlichen Auffassungen und von der Bereitschaft, Entscheidungen infrage zu stellen. Aber sie lebt ebenso davon, dass Argumente ernst genommen werden und die Suche nach einer vernünftigen Lösung wichtiger bleibt als der schnelle politische Punktgewinn.
Wer seine Meinung angesichts neuer Erkenntnisse korrigiert, ist übrigens nicht wankelmütig. Er hat lediglich etwas getan, das man von einem vernünftigen Menschen erwarten darf: dazugelernt.
Das gilt auch dann, wenn eine zuvor innerhalb einer Fraktion oder zwischen mehreren Fraktionen abgestimmte Position hinterfragt wird. Als Ratsmitglieder in einer lebendigen Demokratie haben wir das Privileg, frei entscheiden zu können. An Weisungen sind wir nicht gebunden.
Kann das zu überraschenden Abstimmungsergebnissen führen? Ja, natürlich.
Schadet das der Demokratie? Nein, im Gegenteil. Lebendige Ratsdebatten mit offenem Ausgang sind gelebte Demokratie und machen diese wesentlich attraktiver und interessanter.
Zurück zum Anfang: mit den
freitagsgedanken werde ich mir lieber nach wie vor etwas mehr Zeit lassen. Nicht, weil ich glaube, die Wahrheit gepachtet zu haben. Sondern weil ich hoffe, dass ein paar zusätzliche Zeilen dabei helfen können, einen Sachverhalt aus mehr als einer Perspektive zu betrachten.
Ob daraus irgendwann doch noch ein Reel wird? Wer weiß. Vielleicht werde ich eines Tages feststellen, dass sich auch in 30 Sekunden ein vernünftiger Gedanke vermitteln lässt. Bis dahin bleibe ich lieber bei der etwas langsameren Variante.
Denn die Wahrheit hat einen entscheidenden Nachteil gegenüber der schnellen Meinung: Sie lässt sich nicht immer auf Knopfdruck liefern.
Aber sie ist es wert, dass wir uns ein wenig Zeit für sie nehmen.
Zeit wünsche ich Ihnen auch für das kommende Wochenende: Zeit, etwas Abstand vom Alltag zu gewinnen, Zeit für Sie selbst und Zeit für Familie und Freunde – und vielleicht sogar etwas Zeit, sich mit interessanten Themen und mit Pro und Contra ausführlich auseinanderzusetzen.
Bis bald, Ihr Stefan Freitag
(Und ich nehme mir die Zeit, Fragen, Anregungen und Kritik weiterhin gerne zu beantworten, wenn Sie mir unter freitag@velbert-anders.de schreiben.)