
Liebe Velberterinnen, liebe Velberter!
In den letzten Wochen wurde im Städtchen viel diskutiert – über eine Fahrradbrücke über die Güterstraße oder auch über ein Naturschwimmbad im schönen Nizzatal. Ich habe viel Euphorisches und viel Kritisches gehört und gelesen. Ich will mich an dem Pro- und Contra an dieser Stelle gar nicht beteiligen.
Neue Schwimmbäder und Fahrradbrücken sind genau wie beleuchtete Radwege, modernisierte Plätze und sanierte Sportstätten erst einmal Projekte, die unsere Stadt schöner, moderner und lebenswerter machen.
Und selbstverständlich gibt es viele Menschen, die sich darüber freuen. Wer wollte ernsthaft gegen sichere Radwege oder attraktive Freizeitangebote sein?
Das Problem beginnt nicht bei den Projekten.
Das Problem beginnt bei der Rechnung.
Denn fast nichts davon wird aus vorhandenen Mitteln bezahlt. Alle diese Vorhaben wurden und werden inzwischen über Kredite finanziert. Die Gesamtverschuldung unserer Stadt (einschließlich aller Stadttöchter) liegt inzwischen bei über einer Milliarde Euro. Eine Zahl, die man kaum noch greifen kann.
Nur damit Sie eine Ahnung von der Dimension bekommen: vom Ende des zweiten Weltkrieges 1945 bis zum Jahr 2015, also in 7 Jahrzehnten haben die Stadträte, Bürgermeister, Kämmerer und Geschäftsführer städtischer Wirtschaftsbetriebe von (Alt-)Velbert, Langenberg und Neviges zusammen rund 600 Millionen an Krediten aufgenommen (was an sich schon eine Menge ist).
Die Verantwortlichen des letzten Jahrzehnts haben in nur einer Dekade über 400 Millionen zusätzlich aufgenommen – ohne die oben genannten Altschulden zu tilgen.
Bitte nicht falsch verstehen: ich mache hier überhaupt niemandem einen Vorwurf. Auch ich war rund 25 Jahre in verantwortlichen Positionen dabei und oft gab und gibt es nur noch den Weg zur Kreditabteilung einer Bank, wenn man eine Stadt halbwegs lebenswert halten möchte.
Das altbekannte Problem an Banken ist aber nun einmal, dass sie ihr Geld irgendwann zurückhaben möchten. Und in der Zwischenzeit auch Zinsen kassieren möchten.
Eine Milliarde Schulden bedeutet deshalb nicht nur eine abstrakte Summe irgendwo in Haushalts- und Wirtschaftsplänen. Es bedeutet Zinsen. Jahr für Jahr. Es bedeutet Tilgung. Jahrzehntelang. Und es bedeutet vor allem: Die Rechnung bezahlen nicht wir allein.
Sie landet vor allem bei unseren Kindern, Enkeln und Urenkeln.
Natürlich kann man sagen: Auch kommende Generationen profitieren von diesen Investitionen. Sie werden über die Brücken radeln, in Schwimmbädern schwimmen und auch alle anderen schönen Dinge benutzen.
Aber werden sie uns wirklich dankbar sein, wenn sie gleichzeitig auf leere Kassen schauen?
Wir wissen heute nicht, welche Probleme die 2040er- oder 2050er-Jahre mit sich bringen werden. Vielleicht werden unsere Kinder gigantische Herausforderungen stemmen müssen — wirtschaftlich, gesellschaftlich und technologisch. Vielleicht werden genau dann finanzielle Spielräume gebraucht, die wir heute bereits aufbrauchen.
Denn Schulden sind nichts anderes als vorgezogener Wohlstand.
Wir verfrühstücken gerade Substanz, die später vielleicht dringend gebraucht wird.
Das heißt nicht, dass man jede Investition ablehnen muss. Eine Stadt darf und muss investieren. Aber irgendwann muss auch die unbequeme Frage erlaubt sein:
Was ist wirklich notwendig — und was leisten wir uns auf Pump, weil es heute gut aussieht?
Nicht jede Wunschliste wird vernünftig, nur weil sie „Investition“ genannt wird. Und leider liest sich die aktuelle Haushaltsplanung wie eine gigantische Wunschliste.
Mein Vorschlag daher: freuen wir uns über alles das, was in den letzten Jahren entstanden ist – und natürlich auch auf die Fertigstellung bereits laufender Projekte.
Aber spätestens dann sollten wir mal gemeinsam die Pause-Taste drücken und maximal nur noch so viel Kredite aufnehmen, wie wir gleichzeitig alte Kredite tilgen.
Das bedeutet Verzicht auf viele Projekte – stimmt. Es bedeutet aber auch, gerecht mit der nächsten Generation umzugehen.
Politik verteilt gerne Wohltaten in der Gegenwart. Die Rechnung kommt erst später. Und meistens bezahlen sie diejenigen, die heute noch gar nicht gefragt werden können.
Vielleicht wäre deshalb weniger Begeisterung für immer neue Projekte und etwas mehr Respekt vor den langfristigen Folgen keine schlechte Idee.
Denn unsere Verantwortung für „Heute“ schließt immer das „Morgen“ mit ein!
Apropos morgen: für viele beginnt morgen ein langes und hoffentlich schönes Wochenende, deshalb ist ja heute irgendwie gefühlt schon Freitag. Allen, denen es genau so geht, wünsche ich vier wunderschöne ruhige Tage.
Und den vielen anderen, die keinen „Brückentag“ haben oder sowieso feier-, sams- oder sonntags Dienst haben, sei an dieser Stelle auch mal herzlich gedankt! Ich hoffe, Ihr Dienst ist nicht so stressig wie befürchtet und auch Sie spüren zwischendurch auch ein ganz kleines bisschen vorsommerliches Urlaubsflair.
In diesem Sinne verbleibe ich bis zum nächsten Mal mit herzlichen Grüßen
Ihr
Stefan Freitag
(P.S.: Rückmeldungen wie immer gerne an freitag@velbert-anders.de)