
Liebe Velberterinnen, liebe Velberter!
Meine Hinweise in den letzten Freitagsgedanken zu den Haushaltsanträgen der Wählergemeinschaft Velbert anders haben viele Reaktionen hervorgerufen – für mich überraschend, da die örtliche Presse das Thema irgendwie ignoriert. Weniger überraschend: die meisten Reaktionen gab es zum Vorstoß, den Besuch von Kindertagesstätten und offener Ganztagsgrundschule kostenlos zu machen. Deshalb hole ich heute zu diesem Thema mal etwas weiter aus.
Eine Vorbemerkung sei mir gestattet: die Hauptverantwortung für die Entwicklung eines Kindes liegt nach meiner Überzeugung selbstverständlich bei den Eltern. Da die Voraussetzungen dafür aber von Elternhaus zu Elternhaus einerseits sehr unterschiedlich sind und andererseits jeder vernünftige Staat ein Interesse an gut ausgebildeten Bürgern haben sollte, sprechen wir parallel auch über eine gesamtgesellschaftliche Verantwortung für Bildung. Nur um die soll es nachfolgend gehen.
Wenn in Deutschland über Bildung diskutiert wird, über Unterrichtsausfall, Digitalisierung oder Abiturstandards, dann klingt das oft so, als beginne Bildung erst mit dem ersten Schultag – oder gar mit den Vorbereitungen für den Schulabschluss. Dabei wissen wir längst: Die wirklich entscheidenden Jahre liegen viel früher.
Die Schulpflicht, eine in der Menschheitsgeschichte noch relativ neue Erfindung, hat man in den entwickelten Ländern eingeführt, um allen Kindern einen gleichmäßigen Zugang zu Bildung zu ermöglichen.
Heute wissen wir aber: nicht erst Mathe in der fünften Klasse prägt Lebenswege. Sondern Sprachförderung mit vier. Gemeinsames Spielen mit drei. Vorlesen, soziale Erfahrungen, frühes Lernen in der Kita.
Oder kurz gesagt: Zukunft beginnt nicht auf dem Pausenhof, sondern im Sandkasten.
Das klingt zunächst banal. Ist es aber nicht. Denn die Bedeutung frühkindlicher Bildung wird wissenschaftlich seit Jahren eindrucksvoll belegt. Studien des ifo-Instituts und internationale Untersuchungen auf Basis von PISA-, TIMSS- und IGLU-Daten zeigen, dass qualitativ gute frühkindliche Bildung erhebliche positive Auswirkungen auf die spätere Bildungsbiografie hat – ganz besonders übrigens für Kinder aus sozial benachteiligten Familien und für Kinder mit Migrationshintergrund (die ganzen Abkürzungen erkläre ich am Ende des Textes).
Oder, wie es die Bertelsmann-Stiftung formuliert: „Frühkindliche Bildung hat einen hohen Einfluss auf den späteren Bildungsverlauf“.
Das ist eigentlich politisch eine sehr bemerkenswerte Erkenntnis. Denn sie bedeutet: Frühkindliche Bildung ist keine nette Zusatzleistung für Familien. Sie ist ein zentraler Bestandteil unserer Bildungslandschaft. Vielleicht sogar der wichtigste.
Und trotzdem behandeln wir sie oft wie eine private Angelegenheit, die wie eine normale Dienstleistung zu bezahlen ist. Das hat sicher viel mit unserer Sozialisierung in der „alten“ Bundesrepublik zu tun. Anders als in unseren europäischen Nachbarländern herrschte doch hier früher einhellig die Meinung vor, dass die kleinen Kinder am besten den ganzen Tag bei Mutti aufgehoben sind. Ehrlich gesagt habe ich früher auch so ähnlich gedacht.
Nun ja, frei nach Konrad Adenauer: es kann mich niemand daran hindern, jeden Tag klüger zu werden. Er meinte damit die Freiheit, alte Ansichten zu überdenken und stetig dazuzulernen.
Nehmen wir uns mal gemeinsam die Freiheit – und dazu müssen Sie sich nicht durch die ganzen wissenschaftlichen Studien kämpfen…. .
Nur mal ein paar Gedanken:
Universitäten sind größtenteils kostenlos. Auch Schulen sind kostenlos (mit einer Ausnahme: der Ganztagsbetreuung an Grundschulen).
Stellen Sie sich vor, es würde in Deutschland ein Schulgeld eingeführt mit einer netten, nach Einkommen gestaffelten Gebührentabelle. Für Unterricht am Nachmittag wäre natürlich ein Zuschlag fällig. Sie werden jetzt sagen: „Verrückt, abstrus – auf so eine Idee kommt doch keiner.“ Oder?
Für Kindergärten müssen die Eltern bezahlen.
Also ausgerechnet dort, wo die Grundlagen gelegt werden, zahlen Eltern teils hohe Gebühren – für Kita, Betreuung und Ganztag. Das ist widersprüchlich.
Denn wenn frühkindliche Bildung der gesamten Gesellschaft nutzt, dann sollte ihre Finanzierung auch Aufgabe der gesamten Gesellschaft sein.
Der Nutzen ist enorm. Kinder starten mit besseren Chancen ins Leben. Sprachdefizite werden früher erkannt. Bildungsungleichheiten können reduziert werden. Eltern können Beruf und Familie besser vereinbaren. Fachkräfte bleiben dem Arbeitsmarkt erhalten. Langfristig sinken soziale Folgekosten. Selbst volkswirtschaftlich rechnen sich Investitionen in frühe Bildung nachweislich.
Anders gesagt: Geld, das wir heute in Kitas und Ganztag investieren, sparen wir morgen vielfach wieder ein.
Natürlich darf man dabei die Realität nicht romantisieren. Frühkindliche Bildung funktioniert nur mit Qualität. Gute Betreuung braucht ausreichend Fachkräfte, kleinere Gruppen und vernünftige Rahmenbedingungen. Auch das zeigen aktuelle Studien sehr deutlich.
Aber genau deshalb ist die Debatte über Gebühren so wichtig. Denn Familienbeiträge lösen das strukturelle Problem schließlich nicht. Sie belasten lediglich die Eltern zusätzlich – oft genau in der Lebensphase, in der Wohnkosten, Inflation und Alltagsausgaben ohnehin besonders drücken.
Wer ernsthaft von Familienfreundlichkeit spricht (und das tun ja eigentlich alle Parteien), muss deshalb auch über Gebührenfreiheit sprechen. Für Kitas. Und ebenso für die Ganztagsgrundschule.
Gerade in Zeiten wachsender Spannungen, zunehmender Bildungsunterschiede und historischer Integrationsherausforderungen brauchen wir Orte, an denen Kinder früh gemeinsam lernen, Sprache entwickeln und soziale Kompetenzen erwerben. Frühkindliche Bildung ist deshalb übrigens immer auch Demokratiepolitik.
Allerdings ist leider nicht zu erwarten, dass Bund oder Land dies in näherer Zukunft erkennen und die Finanzierung frühkindlicher Bildung übernehmen – was natürlich richtig und wichtig wäre. Aber hier hat man offenbar andere Prioritäten. Schade.
Und was bedeutet das nun für Velbert?
Natürlich wäre eine vollständige Gebührenfreiheit kein einfacher Schritt. Die Haushaltslage ist angespannt, die Spielräume sind begrenzt, und Velbert steht wie alle Kommunen ohnehin unter massivem finanziellem Druck. Niemand sollte so tun, als ließe sich das nebenbei finanzieren.
Aber unmöglich ist es eben auch nicht.
Zumal wir damit ein echtes Alleinstellungsmerkmal bekämen, das Velbert für Familien noch attraktiver machen würde. Also nicht nur eine Chance für Kinder, sondern auch eine Chance für Velbert.
Hatten wir übrigens teilweise schon mal für drei Jahre. 2021 beschloss der Stadtrat zumindest die Kitagebühren abzuschaffen. Drei Jahre später wurde die Abschaffung wieder abgeschafft, weil es neue Mehrheiten und eine neue Koalition (CDU/Grüne) im Stadtrat gab. Dafür wurde eine nach Einkommen gestaffelte Gebührenregelung beschlossen, die viel Bürokratie, Ärger und Kosten (drei Mitarbeiter kümmern sich jetzt um die Einkommensnachweise und Berechnung der Gebühren….) verursacht hat.
Ich würde sagen: Zeit sich an Konrad Adenauer zu orientieren und klüger zu werden.
Die Wählergemeinschaft „Velbert anders“, früher auch kein Befürworter der Gebührenfreiheit, hat das getan und einen entsprechenden Antrag in die laufende Haushaltsberatung eingebracht. Inhalt: weg mit den Gebühren für Kita und offenen Ganztag an Grundschulen.
Übrigens seriös gegengerechnet mit harten Sparvorschlägen für andere Politikbereiche und vor allem für Rat und Verwaltung selbst (nähere Infos unter www.velbert-anders.de).
Letztlich ist es eine Frage der Prioritätensetzung. Wofür geben wir unser Geld aus? Was ist uns als Stadt wichtig? So schön alle vieldiskutierten neuen Investitionen in Velbert auch sein mögen: wenn wir ehrlich sind, gibt es kaum eine sinnvollere Investition als die in Bildung – und zwar dort, wo sie am meisten bewirkt: ganz am Anfang.
Oder anders gesagt: Zukunft beginnt eben früher, als viele Haushaltsdebatten vermuten lassen.
Auf die aktuelle Haushaltsdebatte bin ich tatsächlich gespannt: denn wenn alle, die 2021 für die Abschaffung waren und/ oder die Gebührenfreiheit im Wahlprogramm hatten, dem Antrag zustimmen reicht es für eine Mehrheit.
Was ist Ihre Meinung? Wie immer gerne per mail an freitag@velbert-anders.de oder direkt als Kommentar im facebook-account der Wählergemeinschaft Velbert anders.
Nun wünsche ich Ihnen erstmal ein wunderschönes Wochenende!
Ihr
Stefan Freitag
P.S.: wie angedroht nun noch die Abkürzungen erklärt:
• PISA steht für Programme for International Student Assessment.
Dabei handelt es sich um die internationale Schulleistungsstudie der OECD (Organisation for Economic Co-operation and Development, auf Deutsch: Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung). Untersucht wird, wie gut 15-jährige Schülerinnen und Schüler Wissen anwenden können – insbesondere in Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften.
• IGLU bedeutet Internationale Grundschul-Lese-Untersuchung.
International heißt die Studie PIRLS („Progress in International Reading Literacy Study“). Sie stammt von der IEA (International Association for the Evaluation of Educational Achievement, auf Deutsch etwa: Internationale Vereinigung zur Evaluation von Bildungsleistungen). Sie untersucht die Lesekompetenz von Grundschulkindern, meist in der vierten Klasse.
• Ebenfalls von der IEA stammt TIMSS: Trends in International Mathematics and Science Study.
Diese Studie vergleicht international die Leistungen von Schülerinnen und Schülern in Mathematik und Naturwissenschaften, vor allem in der vierten und achten Klasse.